«Wir können es uns leisten, dass sie nicht arbeiten geht und auf die Kinder schaut.»
Das klingt so schön fürsorglich. Grosszügig sogar. Und trotzdem beschäftigt mich diese Aussage. Nein, ehrlich gesagt ärgert sie mich. Denn wer genau ist eigentlich «wir»?
Meine Antwort darauf: Ja, Stefan. Du kannst es dir leisten. Aber auch nur du. Deine Frau vermutlich nicht.
Denn hinter solchen Entscheidungen steckt eine Frage, über die Paare viel zu selten sprechen: Was bedeutet diese Rollenverteilung langfristig für die finanzielle Abhängigkeit in der Beziehung?
Damit keine Missverständnisse entstehen: Ich habe nichts gegen Teilzeit, eine lange Babypause oder ein traditionelles Rollenmodell. Mach, was für dich und deine Familie stimmt.
Mir geht es um etwas anderes. Ich möchte, dass du den Preis deiner Entscheidung kennst. Und dass du als Frau ihn nicht alleine bezahlst.
Unbezahlte Arbeit: Dein Beitrag, der finanziell unsichtbar bleibt
Hast du gewusst, dass deine unbezahlte Arbeit vermutlich seine bezahlte Karriere ermöglicht?
Kinder betreuen, Termine organisieren, den Haushalt führen und den ganzen Mental Load tragen. Damit einer 100 % erwerbstätig sein kann, arbeitet der andere oft verdammt viel unbezahlt.
Das alleine ist nicht das Problem. Das Problem ist, wenn dieser Beitrag finanziell unsichtbar bleibt.
Teilzeit und Babypause: Der Preis zeigt sich oft erst bei der Pensionierung
Hast du gewusst, dass du nicht nur auf deinen heutigen Lohn verzichtest?
Du verzichtest auf Jahre an Berufserfahrung, Lohnentwicklung, Karrierechancen und Verhandlungsmacht. Mit jedem Jahr kann der Abstand zwischen euch grösser werden. Und weniger Lohn bedeutet auch tiefere Beiträge an die Pensionskasse und, je nach Zivilstand, Lücken bei der AHV. Diese Rechnung kommt oft erst viel später, dann nämlich, wenn die Pensionierung näher rückt.
Wie gross sie werden kann, zeigt eine Modellrechnung von Advance, dem Wirtschaftsverband für Gleichstellung in der Schweiz¹. Bei Lena, die nach der Geburt ihrer Kinder viele Jahre Teilzeit arbeitet, summiert sich die Einbusse aus entgangenem Lohn und Altersvorsorge bis zur Pensionierung auf rund 1,7 Millionen Franken. Deine Zahlen sehen natürlich anders aus. Wie die Rechnung zustande kommt, liest du hier:
👉 Zum Blogartikel: Was Teilzeit wirklich kostet
Finanzielle Abhängigkeit in der Beziehung: Er baut Vermögen auf, du Abhängigkeit
Hast du gewusst, dass er Vermögen aufbauen kann, während du Abhängigkeit aufbaust?
Weniger Einkommen. Weniger Pensionskasse. Weniger Möglichkeiten zu investieren. Weniger eigenes Vermögen. Das Problem ist nicht, dass ihr unterschiedlich viel verdient. Das Problem ist, wenn nur einer von euch finanziell stärker wird. Wer finanziell stärker ist, hat mehr Wahlmöglichkeiten. Und wer abhängig ist, hat oft keine echte Wahl mehr.
Abhängigkeit fühlt sich nämlich oft jahrelang gar nicht so an. «Unser Geld» funktioniert super. Bis es das nicht mehr tut. Eine Trennung, eine Krankheit, ein Jobverlust oder ein Todesfall. Plötzlich bist du auf eigenes Geld angewiesen. Und dann?
Finanzen in der Partnerschaft fair aufteilen: Was ich dir mitgeben möchte 🪄
Die Lösung ist nicht, dass jetzt alle Frauen 100 % arbeiten müssen. Die Lösung ist, die Konsequenzen zu kennen und sie auszugleichen. Mit Vorsorge, mit Vermögensaufbau, mit Investitionen und mit klaren Vereinbarungen.
Sprecht miteinander und findet eine faire Lösung.
Ein paar konkrete Beispiele:
- Drohende Vorsorgelücken werden gemeinsam ausgeglichen. Prüft regelmässig, wie sich Babypause oder Teilzeitarbeit auf AHV und Pensionskasse auswirken. Fehlende AHV-Beiträge sollten wenn möglich vermieden werden, denn nachzahlen lässt sich nur fünf Jahre rückwirkend. Fehlt langfristig Pensionskassenguthaben, kann der finanziell stärkere Partner das zum Beispiel durch privaten Vermögensaufbau auf den Namen der anderen Person ausgleichen.
- Wer mehr verdient, finanziert die Säule 3a des anderen mit. So muss, wer wegen der Familie weniger arbeitet, nicht auch bei der privaten Vorsorge zurückstecken. Wichtig: Einzahlen kann nur, wer ein AHV-pflichtiges Erwerbseinkommen hat. Ohne, etwa in der Babypause, ist das eigene Depot der Weg.
- Beide haben einen eigenen Notgroschen – in gleicher Höhe. Nicht 30’000 Franken auf seinem Konto und 2’000 Franken auf ihrem. Sondern beispielsweise je drei bis sechs Monatsausgaben auf einem Konto, auf das nur die jeweilige Person Zugriff hat. So haben beide im Ernstfall finanzielle Handlungsfreiheit.
- Ein Teil des höheren Einkommens fliesst monatlich in den Vermögensaufbau der Person, die beruflich zurücksteckt. Zum Beispiel gehen jeden Monat 500 oder 1’000 Franken auf ihr eigenes Depot. Das Geld gehört ihr. So baut nicht nur derjenige Vermögen auf, dessen Karriere durch die Aufgabenteilung stärker weiterläuft.
- Beide haben gleich viel frei verfügbares persönliches Geld. Erst werden gemeinsame Kosten, Vorsorge, Rücklagen und Sparziele bezahlt, der Rest wird gleich verteilt, unabhängig davon, ob einer 12’000 Franken verdient und der andere wegen der Kinder 3’000 Franken.
- Grössere finanzielle Nachteile werden nicht einfach als «ihre Entscheidung» verbucht. Wenn einer mehrere Jahre beruflich zurücksteckt und dadurch deutlich weniger Vermögen aufbauen kann, könnt ihr zusätzlich einen fixen jährlichen Ausgleich vereinbaren. Etwa eine Überweisung auf ihr persönliches Depot. Denn wenn ihre unbezahlte Arbeit seine Karriere mit ermöglicht, ist der daraus entstehende finanzielle Nachteil nicht einfach ihr Privatproblem.
Haltet eure Abmachungen schriftlich fest und macht einmal pro Jahr einen fixen Finanz-Check. Öde, ich weiss. Aber deutlich weniger öde, als mit 55 festzustellen, dass einer von euch über Jahrzehnte Vermögen aufgebaut hat und der andere vor allem unbezahlte Arbeit.
💡 Übrigens macht es einen Unterschied, ob ihr verheiratet seid oder nicht. Bei einer Scheidung wird ein Teil ausgeglichen (Errungenschaftsbeteiligung, Vorsorgeausgleich), im Konkubinat bei einer Trennung nichts. Dort sind eigene Vereinbarungen umso wichtiger.
Fazit: Finanzielle Abhängigkeit vermeiden heisst, den Preis zu kennen
Du siehst, Teilzeit ist nicht das Problem. Unwissenheit und Laissez-faire können eines sein.
Du darfst Hausfrau sein.
Du darfst 20 % arbeiten.
Du darfst 100 % arbeiten.
Du darfst deine Karriere für deine Kinder pausieren.
Aber bitte kenne den Preis deiner Entscheidung. Und sorge dafür, dass du ihn nicht alleine bezahlst.
Disclaimer: Ich schreibe das aus Sicht von Frauen – natürlich kann das auch umgekehrt sein! Auch dann gilt selbstverständlich genau das Gleiche.
PS: Ich kenne an dieser Stelle keinen Stefan. Sorry an alle Stefans, die gerade völlig unschuldig ihr Fett wegkriegen. 😂 Mehr zu Stefan und mir findest du auch auf Instagram in diesem Beitrag:
📌 FAQ – Häufige Fragen zur finanziellen Abhängigkeit in der Beziehung
1. Was bedeutet finanzielle Abhängigkeit in der Beziehung?
Du bist auf das Einkommen deines Partners oder deiner Partnerin angewiesen und hättest ohne dieses keine echte Wahl. Das fühlt sich oft jahrelang nicht nach Abhängigkeit an, bis eine Trennung, Krankheit, ein Jobverlust oder ein Todesfall alles verändert.
2. Ist es falsch, Teilzeit zu arbeiten oder Hausfrau zu sein?
Nein. Jedes Modell ist legitim. Entscheidend ist, dass du die finanziellen Folgen kennst und ihr sie gemeinsam ausgleicht.
3. Wie können Paare die Folgen fair ausgleichen?
Sprecht offen darüber, trefft klare Vereinbarungen zu Vorsorge, Vermögensaufbau und persönlichem Geld, haltet sie schriftlich fest und überprüft sie einmal pro Jahr.
4. Gilt das auch, wenn der Mann zurücksteckt?
Ja. Wer beruflich zurücksteckt, trägt das finanzielle Risiko, unabhängig vom Geschlecht.
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Eine gute Grundlage für euer nächstes Gespräch über Geld. 😉
Quelle 1: Advance, Wirtschaftsverband für Gleichstellung in der Schweiz, Modellrechnung im Video Was kostet mehr: Teilzeit oder Kinderbetreuung?
